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Dienstag, 06.01.2026 12:04 - Alter: 1 Tage

Trauer um Lajos Rovatkay

Die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover trauert um ihren langjährigen Lehrer Prof. Lajos Rovatkay.

Lajos Rovatkay wurde am 15. September 1933 in Budapest geboren, wo er zu Beginn der 1950er Jahre ein Orgelstudium begann – zunächst am Bartók-Konservatorium, später an der Franz-Liszt-Musikakademie. Während des Volksaufstands von 1956 floh er, für den die Musik immer auch ein Zufluchtsort vor dem Stalinismus gewesen war, über Österreich nach Deutschland. In Frankfurt erhielt er Orgelunterricht bei Helmut Walcha und besuchte die musikwissenschaftliche Fakultät der Universität.

Zum 1. Januar 1962 wechselte er als Lehrkraft für Cembalo und Orgel an die heutige Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), der er daraufhin beinahe vierzig Jahre lang treu blieb. Im Jahr 1982 wurde er zum Professor auf Lebenszeit für das künstlerische Fach Alte Musik mit dem Hauptfach Cembalo/Orgel berufen. Kurz darauf übernahm er die Leitung des Studios für Alte Musik, aus dem das heutige Institut für Alte Musik der Hochschule hervorgegangen ist. Am 30. September 1998 trat er schließlich in den Ruhestand.

Bernward Lohr, apl. Professor für Alte Musik an der HMTMH, erinnert sich an einen hoch geschätzten Weggefährten:

„Mit Prof. Lajos Rovatkay hat uns einer der letzten Pioniere der sogenannten Alten Musik, der sogenannten historischen Aufführungspraxis verlassen, einer derer, die durch eigenes Experimentieren in die Klangwelt der Musik vor 1800 eindringen mussten, die das Abenteuer wagten, bislang kaum beachtetes Repertoire neu zu lesen, die durch eigene Fantasie neue – oder vielleicht nur vergessene – Parameter der musikalischen Gestaltung entdeckten und weitergaben.

Der Antrieb zu vielen Expeditionen in Bibliotheken und Archive war aber nicht die Lust am Staub lange nicht mehr bewegter Partituren, sondern waren vor allem die Rätsel und die Defizite der Interpretation der Musik von J. S. Bach. Den Kosmos der Musik Bachs einigermaßen zu erfassen und überzeugend musikalisch abzubilden, war die eigentliche Triebfeder des künstlerischen und forschenden Handelns von Lajos Rovatkay. Dabei war er überzeugt, dass das nur gelingen kann, wenn die historischen Lebensumstände Bachs, die Voraussetzungen seiner Kompositionskunst und die Bedingungen, unter denen er selbst wirkte, einschließlich seiner theologischen Reflexionen genau gekannt und bedacht wurden. Und auf komplexen Streifzügen durch die Musikgeschichte machte Rovatkay bahnbrechende Entdeckungen. Schon sehr früh erkannte er die Bedeutung des italienischen Frühbarock für die Entwicklung der Musikgeschichte des 17. Jahrhunderts, ja, darüber hinaus für die Formulierung von Emotionen, die uns heute genauso wie vor 400 Jahren selbstverständlich unmittelbar bewegen.

Agostino Steffani als eine komplexe Figur in der Geschichte seiner Wahlheimatstadt Hannover zu erkennen und bekannt zu machen, war ein weiteres Projekt seines Forschens, das er über Jahrzehnte mit ungewöhnlicher Energie verfolgte. Als bereits Hochbetagter setzte er sich für einen lang verkannten Komponisten – Gregor Josef Werner – ein, auch um das Verständnis für die Entwicklung der Musik der Wiener Klassik zu fördern.

Alle Ergebnisse seines musikalischen Experimentierens und seines Forschens flossen in seine Tätigkeit als Hochschullehrer ein. Und so nimmt es nicht wunder, dass im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Musikerinnen und Musiker aus Hannover, viele geschult durch regelmäßige Projekte im Studio für Alte Musik an der Hochschule sowie als Mitglieder des 1981 von ihm gegründeten Orchesters Capella Agostino Steffani, in der Alten-Musik-Szene überall unterwegs und sehr gefragt waren.

Neben der Orgel war das Cembalo sein Instrument. Er veranlasste, dass die heutige HMTMH als erste deutsche Musikhochschule ein Cembalo in historischer Bauweise anschaffte, auf dem das gesamte Repertoire für das Instrument, gerade auch die Kompositionen Bachs, endlich mehrdimensional, vor allem aber emotional klingen konnte: jedenfalls, wenn er es spielte.

Alle diese nur unvollständig aufgezählten Aspekte des Wirkens von Lajos Rovatkay zeigen einen für viele Studierende und für viele Kolleginnen und Kollegen faszinierenden Menschen, der mit seiner unkonventionellen Art ihr musikalisches Empfinden, Denken und Handeln tief prägen konnte. Wir können dankbar sein, dass seine Schaffenskraft ihm so lange zur Verfügung stand, und werden einen Künstler, einen Experten und Lehrer, vor allem aber einen Freund vermissen.“

Lajos Rovatkay ist am 2. Januar 2026 im Alter von 92 Jahren in Hannover verstorben. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.