Gender, Körper, Kunst

Gender, Körper, Kunst | Dienstags 18:15 Uhr, Raum 202

Kunst ist ohne eine Verbindung mit dem Körper nicht denkbar, weder beim Schaffensakt im Atelier, noch bei der Darbietung auf der Bühne oder bei der Vermittlung im Unterricht. Als Teil des Körpers spielt auch das Geschlecht in künstlerischen Kontexten eine wichtige Rolle – sei es im biologischen Sinne oder als gesellschaftliche Kategorie.
Der Begriff „Gender“ verweist auf die sozialen Dimensionen der Geschlechter. Das Zusammenspiel von Gender, Körper und Kunst steht im Zentrum dieser interdisziplinären Veranstaltungsreihe. In den Einzelbeiträgen werden verschiedenste Perspektiven des übergeordneten Themas eröffnet – aus künstlerischer, medizinischer, ethnologischer, gleichstellungspolitischer und musikwissenschaftlicher Sicht. Der Fokus richtet sich dabei sowohl auf Geschlechterverhältnisse im künstlerischen Alltag als auch auf der Bühne. Physiologische Grundlagen werden thematisiert, Inszenierungsfragen und Rollenmodelle in Opern analysiert. Die Musikpraxis der Inuit-Frauen und der „Woman of the Wall“ in Jerusalem sind ebenso Gegenstand der Reihe wie die Körpersprache in der Rhythmikausbildung, Geschlechtertypologien im Film oder die Diskussion, ob Körperlichkeit einen Einfluss auf die Bewertung künstlerischer Qualität hat.

30. Oktober 2018

Der kleine Unterschied: Wie Frauen- und Männer-Gehirne Musik verarbeiten
Schon lange ist bekannt, dass sich Gehirne von Frauen und Männern unterscheiden. Dabei scheinen bereits pränatale hormonelle Einflüsse Hirnvernetzung und Ausbildung bestimmter Regionen zu prägen. Im Vortrag werden zunächst geschlechtsbedingte neurophysiologische Unterschiede der Hirnorganisation und -struktur dargestellt und anschließend die Folgen für die Hörwahrnehmung referiert. Dabei wird besonders die Rolle einer gender-spezifischen Akkulturation von musikalischen Wahrnehmungsformen diskutiert.
Dr. med. Dipl. mus. Eckart Altenmüller, Professor für Musikphysiologie und Musikermedizin, HMTMH 

06. November 2018

„Brüderchen, komm tanz‘ mit mir“
Die meisten Figuren der romantischen Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck können als Kinder- und Fantasiegestalten mit Sopran-, Knaben- oder Tenorstimme (im Falle der Hexe) gesungen werden. Die jeweilige Rolle wird neben Text und Handlung von ihrer Stimmfarbe her charakterisiert. Schon das bekannte Märchen der Gebrüder Grimm stellt das Klischee vom „starken Geschlecht“ auf den Kopf. Dem schwachen Vater und dem tollpatschigen Hänsel stehen die dominante Mutter und die lebenskluge Gretel gegenüber. Die Fantasiefiguren Sand- und Taumännchen bilden den Kontrast zu der mächtigen menschenfressenden Hexe. Welche körperlichen Ausdrucksformen sind gefragt, welche Rollenbilder, Geschlechts- und Altersklischees gilt es heute zu erfüllen, zu steigern oder zu vermeiden? Diese Überlegungen sollen gemeinsam mit Studierenden des Fachbereiches Gesang präsentiert und zur Diskussion gestellt werden.
Studierende des Fachbereichs Gesang;
Leitung: Mascha Pörzgen, Verw.-Professorin für Dialogregie, HMTMH

13. November 2018

Women Of, For, and At the Wall: A Performative Analysis of Gender Politics at the Western Wall in Jerusalem
For more than twenty-five years the Western Wall in Jerusalem has been the focus of heated controversy over gender roles in Judaism, the character of public space in the city, and the relationship between religious and state authority. At the center of these controversies is the women’s prayer group, Women of the Wall, and a group convened to work against them, the Women For the Wall. Singing in full voice, donning prayer garments, and chanting from a Torah scroll, the Women of the Wall perform their interpretation of Jewish law that defies the ultra-orthodox standard of prayer enforced at the site. In this talk, I discuss women’s prayer and performance at the Western Wall as a both a unique space within Jerusalem and a microcosm of religious and gender politics in the city. I examine performances by and of the WoW and the W4W through the lens of bodily practices and power relations, building upon theories regarding performativity, agency, and the material manifestation of discursive norms. Considering how governing authorities control movement, access, and bodily practices in order to impose a particular framework of gendered behavior, I look at how each group reclaims their voices and bodies to challenge and re-inscribe gendered religious practice. I analyze how the WoW’s practices are affected and mediated by the presence of a large viewing audience—supporters, opposition, police surveillance, and the media—ultimately articulating a critique of liberal agency, and the extent to which the uncritical valorization of choice and voice can distort scholarly perspectives across a range of cultural and religious contexts.
Dr. Tanya Sermer, Musikethnologin, The Hebrew University of Jerusalem 

27. November 2018

Mann spielt Frau spielt Mann: Falsettisten, Kastraten, Hosenrollenprimadonnen
Nach der „Verbannung“ der Frauen aus dem Kirchengesang und in der Folge auch von den Opernbühnen Italiens wurden zunächst Knaben und Falsettisten für die Kirchenmusik eingesetzt. Mit dem beginnenden 17. Jahrhundert genügten die künstlerischen Fähigkeiten nicht mehr und zunehmend kamen Kastraten sowohl in der Kirchenmusik als auch bei der im Entstehen begriffenen Oper zum Einsatz. Die Kastraten gehörten zu den höchstbezahlten Künstlern ihrer Zeit, debütierten oft in Frauenrollen und standen z. B. in den opere serie von Händel zusammen sowohl mit Sängerinnen, die Frauen darstellten, als auch mit Sängerinnen in Männerkleidung auf den Bühnen. Mit dem allmählichen Verschwinden der Kastraten um 1810 wurden zahlreiche hohe Heldenpartien zunächst von Hosenrollenprimadonnen verkörpert – man spricht vom „musico“. Eine zweite Variante geht zurück auf Beaumarchais, der mit Chérubin in „Der tolle Tag“ die typische Rolle des – durch eine Frau darzustellenden – adoleszierenden jungen Mannes schuf. Der sog. Musichietto wurde in Mozarts Vertonung des Figaro-Stoffes zum Vorbild für unzählige Pagenrollen auf der Opernbühne. In ihrem Doppelvortrag werden Marina Sandel und Sabine Sonntag die historischen Hintergründe durch anatomische, physiologische und akustische Fakten der Frauen-, Falsett- und Kastratenstimme illustrieren und mit Video- und Tonbeispielen (darunter des letzten Kastraten) veranschaulichen.
Marina Sandel, Professorin für Gesang, HMTMH
Dr. Sabine Sonntag, Musikwissenschaftlerin, HMTMH

04. Dezember 2018

I am what I am?...
… oder doch eher, was Veranstalter*innen und Publikum sehen wollen?
Reicht es aus, authentisch zu sein und eine eigene Persönlichkeit zu besitzen, oder müssen Künstler*innen heute einem bestimmten Bild von akzeptierter Körperlichkeit entsprechen, das en vogue ist? Gibt es hier unterschiedliche Anforderungen an Männer und Frauen? Gelten für Sänger*innen andere Vorstellungen als für Instrumentalist*innen, oder ist das allgemeine Motto heute: „Sex sells“? Was hat das dann noch mit der künstlerischen Befähigung zu tun, und werden diese Aspekte in der Ausbildung vermittelt?
Podiumsdiskussion mit Julia Albrecht, Konzertdirektion Schmid;  Marek Rzepka, Professor für Gesang, HMTMH; Ewa Kupiec, Professorin für Klavier, HMTMH.
Moderation: Birgit Fritzen, Gleichstellungsbeauftragte der HMTMH

11. Dezember 2018

Begegnung mit Inuit Throat Singing
Akinisie Sivuarapik und Sylvia Cloutier werden den traditionellen Kehlkopfgesang der Inuit-Frauen vorstellen. Das Inuit Throat Singing stammt aus der kanadischen Antarktis und wird dort Katajjaq genannt. Zwei Frauen stehen dabei einander gegenüber, halten sich an den Armen und dialogisieren mit geräuschhaften, naturnahen Stimmlauten. Gordon Williamson, der selbst aus Kanada stammt, hat die beiden Sängerinnen nach Deutschland eingeladen, um mit ihnen und den Neuen Vocalsolisten Stuttgart eine neue Komposition zu entwickeln. Nach der Präsentation des Intuit Kehlkopfgesangs wird er über diese besondere Kulturbegegnung berichten.
(Englischsprachige Veranstaltung)
Akinisie Sivuarapik, Sylvia Cloutier, Intuit Throat Singers;
Gordon Williamson, Verw.-Professor für Komposition, HMTMH

08. Januar 2019

Das Spiel mit den Rollen – Diversity-bewusstes filmisches Erzählen
Filme bilden unsere Lebensrealitäten ab – aber sie erschaffen diese auch. Werden die Rollenmodelle zu starr und die Erzähl-Codes zu eindimensional, führt das zu einer Verengung unserer Lebenswelten. Anhand von Beispielen aus den Filmen ‚Die Hannas‘ und ‚Das Floß!‘ wird untersucht, wie sich die subversive Kraft des filmischen Mediums im Hinblick auf unsere Wahrnehmung von Gender, Körper und ‚Race‘ auswirkt und wie sie dazu beiträgt, diese Konzepte zu hinterfragen.
Julia C. Kaiser, Filmemacherin; Stipendiatin des Dorothea-Erxleben-Programms

15. Januar 2019

Liebe, Paare, Wahnsinn, Tod. Schlaglichter auf zeitgenössisches Musiktheater
Ob glücklich oder unglücklich – die Liebe ist bis in die Gegenwart eines der beliebtesten Sujets des Musiktheaters. Auf der Bühne endet die tragische, unerfüllte oder nicht lebbare Liebe meistens mit Krankheit, Wahnsinn oder Tod. Wer von den Liebenden erkrankt oder stirbt, und auf welche Weise, ist auch eine Geschlechterfrage. Im Rahmen des Vortrags werden Einblicke in verschiedene Schlüsselszenen zeitgenössischer Bühnenwerke gegeben, darunter Kompositionen von Hans Werner Henze, Adriana Hölsky, Olga Neuwirth, Kaaija Saariaho und Aribert Reimann. Aus diesen Werken singen Studierende der Gesangsabteilung ausgewählte Arien.
Studierende des Fachbereichs Gesang;
Leitung: Gudrun Pelker, Professorin für Gesang, HMTMH / Dr. Imke Misch, Musikwissenschaftlerin, HMTMH

22. Januar 2019

„Gender-Körper-Kunst“ – Künstlerischer Ausdruck
Bei allen drei Begriffen geht es um den Menschen selbst – um Identität, Individualität und um Ausdruck. Die Kunst, verschiedene Ausdrucksformen wie z. B. Musik, Bewegung und Malerei miteinander zu verbinden, ist eine der Grundlagen der Elementaren Musikpädagogik (EMP). Wie das hinterher in Bezug auf diese thematische Reihe aussehen kann? Studierende der Studienrichtung EMP beschäftigen sich mit der Trilogie „Gender – Körper – Kunst“ und präsentieren Teilergebnisse, eigene Gedanken und Prozesse in künstlerischer Form.
Studierende des Fachbereichs Elementare Musikpädagogik;
Leitung: Elisa Läubin, Professorin für Elementare Musikpädagogik

 

Kontakt

Leitung und Konzeption
Dr. Imke Misch

Veranstalterin
Gleichstellungsbüro der HMTMH

Veranstaltungsort
HMTMH
Hörsaal 202, Emmichplatz 1
30175 Hannover

Dienstags um 18:15 Uhr

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Zuletzt bearbeitet: 05.11.2018

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